Offensive Tanz

Offensive Tanz für junges Publikum

Zwei Premieren und doch keine Premiere

Eigentlich hätte vom 16. bis 24. Januar zum fünften Mal PURPLE – Internationales Tanzfestival für junges Publikum in den Berliner Uferstudios stattgefunden. Eigentlich hätten wir dort als Offensive Tanz nicht nur unseren ersten Geburtstag, sondern auch zwei wunderbare Premieren gefeiert: „A Human Race“, produziert von TANZKOMPLIZEN, sowie „Strange Garden“, eine Co-Produktion von PURPLE Tanzfestival. Beide Tanzstücke konnten aufgrund der Corona-Situation nicht vor Publikum aufgeführt werden. Wann das der Fall sein wird, bleibt weiterhin ungewiss. Wie es ist, als ChoreographIn unter solchen Umständen zu arbeiten, was mit der Produktion passiert, der persönlichen Kreativität und der eigenen Motivation? Wir haben mit Grichka Caruge („A Human Race“) und Colette Sadler („Strange Garden“) darüber gesprochen.

Luka Austin Seydou, einer der Tänzer im Krump-Stück „A Human Race“ von Grichka Caruge (Foto: © René Löffler)

"Wenn man so oft getestet wird, denkt man die ganze Zeit an Krankheit und Tod statt an das Leben. Auf der anderen Seite gibt es eine Art Lichtblick am Horizont, denn mit unserer Arbeit schaffen wir Momente der Hoffnung in dieser dunklen Zeit. Wir sind in der Lage, etwas zu tun und diese Möglichkeit beflügelt Kreativität. Wir versuchen, unsere Erfahrungen in etwas Positives zu verwandeln," sagt Grishka über die Arbeit während der Pandemie. Das Krump-Stück “A Human Race” kommt mit viel Körperkontakt daher, regelmäßige Corona-Tests waren für die Proben unerlässlich. Eine weitere Herausforderung: Die meisten der fünf TänzerInnen kommen nicht aus Deutschland. "Wir wussten nicht - einige von uns sind nicht aus Deutschland: Werden die Grenzen geschlossen? Müssen wir nach Hause gehen? Können wir wieder zurückkommen? Aber in gewisser Weise ist all diese Frustration gut für Krump, denn Krump braucht Herausforderungen und Reibung. Daraus wurde Krump geboren."

Für Colette dagegen war Corona speziell für die Produktion von „Strange Garden“ gar kein so großes Problem: "Da die PerformerInnen in dieser Arbeit mit Objekten arbeiten und sich in und hinter ihnen verstecken, ist es recht einfach, die Regeln des Social Distancing zu beachten, da es in dieser Arbeit kaum Körperkontakt gibt." Colette sieht die Herausforderung eher in den vielen Unsicherheiten in der Planung und drum herum: Wann geht es wieder los mit den Aufführungen, auf was müssen wir achten, wie bringe ich Home Schooling und Choreographen-Job zusammen?

Szenenbild in „Strange Garden“ von Colette Sadler (Foto: © Mikko Gaestel)

Beide – sowohl Grichka als auch Colette – finden in der Arbeit mit Corona auch positive Erfahrungen: "Generell betrifft die Pandemie uns alle auf unterschiedliche Weise, sodass jeder spürt, wie sich die Situation auf die persönliche Stimmung/Energie auswirkt – obwohl es sich gleichzeitig für uns alle positiv anfühlt, zusammenzuarbeiten", sagt Colette.

Und was passiert mit den beiden Offensive-Tanzstücken? Findet das Publikum „ein Stück Corona“ darin wieder? Colette sagt ganz klar: nein, "'Strange Garden' lebt in einem seltsamen visuellen Kosmos, der Fantasie, Staunen und Schönheit für ein junges Publikum vermitteln will." Grichka dagegen spürt einen stärkeren Pandemie-Einfluss in “A Human Race”: "Die Umstände haben definitiv Einfluss auf das Stück. Wenn man etwas erschafft, erzählt man immer von dem, was man in diesem Moment durchmacht. 'A Human Race' ist eine Geschichte über die Menschlichkeit. Aber sie bezieht sich auch auf Corona, auf die ganze beunruhigende Situation, die Spannung und Unsicherheit mit sich bringt."

Zwei Premieren ohne echte Premiere also. Wie ist es zu wissen, ein ganzes Stück zu choreographieren und am Ende kein Publikum haben zu dürfen? Für Grichka, schwer: "Als Künstler versuche ich, die Leute erst einmal zum Fühlen und Denken anzuregen, sofern sie das wollen. Ich möchte eine Verbindung schaffen, die in der aktuellen Situation nicht so recht möglich ist. Aber ich weiß auch, dass das Stück gehört wird und dass es eine Wirkung hat." Colette: "Man spürt die Abwesenheit sicher, aber das Herz des Choreographen weiß, dass eines Tages das Publikum zum Theater zurückkehren wird und zu dieser Zeit die Liebe und das Bedürfnis nach Live-Theater umso höher sein werden. Es werden wieder fröhliche Zeiten kommen."

“One feels the absence for sure but the choreographers heart knows that one day audience will return to theatre and at that time the love and need for live theatre will be higher. Joyful times will come again.”

Colette Sadler

Und danach, was nimmt ein/e ChoreographIn mit aus der Pandemie? Colette Sadler ist eher vorsichtig, die Zukunft ist eben die Zukunft. Wir werden sicher erst später verstehen, was da eigentlich mit uns passiert ist. Einige Dinge, die sich ohne Corona wohl eher nicht entsprechend entwickelt hätten, kann Colette jedoch bereits jetzt nennen: "Während Corona hatte ich die Chance, meine choreografische Praxis auf andere Medien auszuweiten, also auf Sound-/Videoarbeiten. Ich nahm es auch als Chance, meine kuratorische Praxis zu erweitern." Und Grichka? "Ich habe gelernt, dass es in Zeiten wie diesen entscheidend ist, von meiner Familie umgeben zu sein. Ich konnte es wirklich nicht ertragen, allein zu sein, nur zwischen der Arbeit und einer leeren Wohnung zu pendeln, ständig an das Stück zu denken, keine Menschen auf den Straßen, keine Restaurants, nichts. Also habe ich meine Familie hierher geholt."

Danke an Colette und Grishka für die spannenden Einblicke!

Über die Choreographen

Colette Sadler (Foto: © Mikko Gaestel)

Colette Sadler (Glasgow *1974) absolvierte zunächst eine Ausbildung in klassischem Ballett, gefolgt von einem BA (Hons) am Laban Centre, London. Als Mitglied der Transitions Dance Company ́95 arbeitete sie später als Tänzerin für Choreographen. Im Jahr 2002 initiierte sie Stammer Productions in Glasgow, um ihre künstlerische Produktion in den Bereichen Choreografie, Performance und Kuration zu unterstützen. Seit 2006 wurden Sadlers Tanzarbeiten international in zahlreichen Kontexten für Tanz und bildende Kunst gezeigt. Im Februar 2021 wird sie die 4. Ausgabe des multidisziplinären Kunstfestivals www.presentfutures.org in Zusammenarbeit mit dem CCA Glasgow und Feral Arts kuratieren. www.colettesadler.com

Grichka Caruge (Foto: René Löffler)

At the age of 11, Grishka discovered hip-hop with Kader Attou and Dominique Lisette and joined projects with renowned companies such as Black Blanc Beur, Accrorap and Revolution. He teaches Krump and Hip Hop internationally since 2007 and works with renowned choreographers such as Kamel Ouali, Blanca Li, Stephane Jarny, Georges Momboye, Corinne Lanselle for musicals, choreographic pieces, tv sets and video clips. www.ciearttrack.com/grichka